Ihr Lieben, gerade flattert mir hier ein Profoto-Einlegerprospekt zum B1/B1x auf den Schreibtisch. Da stehen aber Sachen drin⊠mein lieber Schwan.

Vorneweg: Ich bin bekennender Profoto-Fan und habe drei A1, mit denen ich hochzufrieden bin, mehrere Funksender, Reflektoren und Zubehör. Auch der B1/B1x ist ein tolles Produkt, keine Frage. Nur der Werbetext im Flyer ist ĂŒbertrieben…. aber seht selbst!
Der Text in AuszĂŒgen
âStĂ€rker als die Sonneâ
Der B1 ist also stĂ€rker als die Sonne. Gemeint ist wohl, dass er bei bestimmten AbstĂ€nden zum Motiv, in bestimmten Lichtformern und bei einer gĂŒnstigen Synchronisation mit der Kamera fĂŒr die Fotos stĂ€rker erscheint als die Sonne. Umgangssprachlich sagt man, dass man damit gegen die Sonne anblitzen kann. Das ist aber nichts besonderes, denn das kann man auch mit einem Speedlight.
Das hĂ€tte man geschickter formulieren können, weil der B1 nĂ€mlich wirklich eine technische Besonderheit aufweist: Er hört auf das Protokoll der Canon/Nikon-Funksender und ist damit in der Lage, sich sehr genau mit dem Kameraverschluss zu synchronisieren. FrĂŒher hat man das mit Tricks realisiert oder eben schwĂ€chere Speedlights mit Highspeed-Sync (HSS) verwendet.
Das Novum ist, dass der B1 die Kommunikation der Kamerahersteller versteht, auch HSS beherrscht, und dazu dann satte 500 Wattsekunden Blitzenergie mitbringt.
âEr ist zehnmal so leistungsstark wie ein guter Aufsteckblitz.â
Der B1 und der B1x haben 500 Joule bzw. Wattsekunden. Ein Zehntel wĂ€ren 50 Ws, was doch sehr wenig erscheint. Stimmt das denn? Als âguten Aufsteckblitzâ nehmen wir einfach einmal den weitverbreiteten Canon 600 EX RT an. Von diesem mĂŒssen wir nun den verbauten Kondensator und die Betriebsspannung kennen und schon können wir die Energie im Kondensator und damit auch die Energie an der Blitzröhre ausrechnen. Beides findet man ĂŒbers Internet heraus.
Im Canon 600 EX sitzt ein Kondensator mit einer KapazitĂ€t von 1.400 Mikrofarad und eine Spannungsfestigkeit von 330 Volt. Wenn die Betriebsspannung des Blitzes gleich der Spannungsfestigkeit des Elkos ist, gilt fĂŒr die Energie im Kondensator (und damit fĂŒr die Energie an der Blitzröhre):
W = 0,5 CUÂČ = 0.5 * 1400 / 1000000 * (330^2) Ws= 76,23 Ws
// der Text in Lila ist eine Formatierung, die auch der Formelparser in Google versteht …
// man kann das also einfach rĂŒberkopieren nach Google und so berechnen lassen.
Nach manchen Quellen wird der Blitz aber nicht mit 330 V, sondern mit 320 V betrieben, was dem Kondensator ein wenig Sicherheit lÀsst. Damit ergÀben sich leicht abweichende 71,68 Ws.
Gilt das MaĂ auch fĂŒr die anderen zwei genannten, weit verbreiteten Aufsteckblitze? Das kann man wiederum ĂŒber die Leitzahl herausfinden. Wichtig ist bei diesem Vergleich, dass die Leitzahl bei der gleichen ISO-Einstellung und bei der gleichen Brennweite des Blitzes angegeben sein muss (Speedlights haben vorne eine Fresnel-Linse). TatsĂ€chlich haben alle drei aufgefĂŒhrten Speedlights eine Leitzahl von 58 bei ISO 100 und bei Brennweite 105 mm, womit alle drei eine Energie von 76 bzw. 72 Ws an die Röhre liefern. Zum Vergleich hat ĂŒbrigens der A1-Aufsteckblitz von Profoto, der wiederum nicht ĂŒber die Leitzahl, sonder nur in Wattsekunden angegeben ist, auch 76 Ws.
Damit ist der 500Ws-Profoto-Porty nicht 10-mal so stark, sondern nur noch 6,6-mal so stark wie ein gutes Speedlight. Wenn ich auch mal groĂzĂŒgig runden darf, dann haben die Werbetexter auf den wirklichen Wert fast 100% draufgeschlagen!
âDer B1 bietet bei vergleichbarer Leistung eine viel kĂŒrzere Leuchtzeit als ein Speedlight.â
Oha, das ist jetzt doch kniffliger. Erst einmal formulieren wir um, weil Blitze nicht in Leistung, sondern in Energie angegeben werden â man braucht hier keinen Zeitbezug wie bei der GlĂŒhlampe, weil der Blitz im Regelfall immer komplett in die Belichtungszeit âhineinpasstâ. Es trĂ€gt somit schlicht die gesamte Blitzenergie zur Belichtung bei.
âDer B1 bietet bei vergleichbarer Energie eine viel kĂŒrzere Abbrennzeit als ein Speedlight.â
Was die Energie in Wattsekunden angeht, kennen wir uns bereits aus. Nun zur Abbrennzeit: diese wird ĂŒber t0,5 oder t0,1 angegeben, also ĂŒber die Zeiten, in welchen der Lichtstrom auf 50% bzw. auf 10% gefallen ist (siehe dazu die Kurve rechts).
Oft wird im Datenblatt nur der kĂŒrzere t0,5 angegeben, und wer die aussagekrĂ€ftigere t0,1-Angabe benötigt, schaut dann in die Röhre (die Faustformel t0,1 = 3x t0,5 funktioniert nur bei sehr einfach aufgebauten Blitzen). Auch beim B1/B1x fehlt die t0,1-Angabe, aber bei seinem Nachfolger, dem B10Plus mit ebenso 500 Ws, findet sich dann doch eine Tabelle im Handbuch (und man kann wohl annehmen, dass der B10 eher schneller ist als der B1, weil seine Technik jĂŒnger ist).
Was jetzt zum Vergleich nur noch fehlt, sind die t0,1-Werte eines Speedlights, beispielsweise des genannten Canon 580EX II. TatsĂ€chlich hat sich aber mein Bekannter Oliver Wende vor Jahren einmal die MĂŒhe gemacht, von diesem Blitz die t0,1-Werte zu messen, und damit können wir endlich vergleichen:
| t0,1 Profoto B10Plus | t0,1 Canon 580 EX II | |
| Profoto auf 0,5 Ws Speedlight auf Einstellung 1/128, und damit bei ca. 0,5625 Ws | im Normalmodus 1/4.100 s im âFreeze-Modusâ 1/14.000 s | 1/21.552 s |
| Profoto bei 62,5 Ws Speedlight auf Einstellung 1/1, und damit bei ca. 72 Ws bis 76 Ws | im Normalmodus 1/1.300 s im âFreeze-Modusâ 1/3.500 s | 1/299 s |
Man sieht, dass der dicke 500Ws-Profoto nur im oberen Energiebereich schneller ist als ein Speedlight. Bei sehr kleiner Blitzenergie ist er ein gutes StĂŒck langsamer. Wenn Ihr einmal ein sehr schnelles Abbrennen braucht, dann nehmt Speedlights auf kleiner Energie. Wenn Euch dann das Licht nicht ausreicht, nehmt einfach mehrere parallel.

Fazit
Wer sich einen B1/ B1x/B10 fĂŒr mehrere Tausend Euro kauft, weiĂ im Regelfall, was er tut. Der braucht nicht diese Werbetexte. Also ich persönlich wĂŒrde bei Profoto den Ingenieuren einen Bonus geben, und den Werbetextern âŠ. einen dicken Malus! đ
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Browser-Strandgut
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Tilo ~gallo~ Gockel, www.fotopraxis.net, Ende September 2024.


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