2. Workshop: Schärfe und Rauschen – JPEG versus Raw!

Zur Einführung, kurz vorab nochmal:
Die Vorteile des Raw-Formates

Das ist nicht unbedingt der Fokus dieses Artikels, gehört aber wohl der Vollständigkeit halber auch kurz hierher: Die wesentlichen Vorteile bei der Verwendung des Raw-Formates, [4]:

  • Der Farbraum, AdobeRGB oder sRGB, ist auch nach der Aufnahme später im Raw-Importer noch verlustfrei frei wählbar.
  • Auch der Weißabgleich ist auch nach der Aufnahme später im Raw-Importer noch verlustfrei frei wählbar.
  • Der Tonwertumfang ist größer: Die Kamera liefert rund 10..12 bit pro Farbkanal, kodiert in der Raw-Datei in 16 bit pro Farbkanal. Dies sichert mehr Reserven hins. Tonwertabrissen bei der anschließenden Bildverarbeitung.

 

Schon interessanter:
Die Vorteile des JPEG-Formates

Es ist wohl allgemein bekannt, dass JPEG-Dateien direkt aus der Kamera schärfer und etwas rauschärmer sind als Raw-Dateien. Nun werden also die JPGs offensichtlich in der Kamera auf irgendeine Weise vorverarbeitet, und das gar nicht mal so schlecht, weil die Kamerahersteller die speziellen Sensoreigenschaften ganz genau kennen. Wenn der Raw-Importer ähnliches leisten könnte, so sollte man dies vielleicht auch nutzen …?! Zumindest die Grundschärfe einstellen, dann das Bild bearbeiten, dann abschließend nochmals für die Weitergabe schärfen? Ein Test, ob sich das lohnt, ist relativ einfach vorzunehmen, s. unten.

Exkurs: Vor kurzem habe ich einen Workshop bei Alexander Heinrichs [5] besucht, der dort auch seinen Standard-Photoshop-Workflow vorgestellt hat. Beim Importieren der Raw-Datei mit dem Photoshop- oder Lightroom Raw-Converter fasst er Schärfe und Rauschreduzierung nicht an, dies geschieht erst als abschließender Schritt vor der Weitergabe des Bildes. Schärfe behandelt er mit der sehr guten, freien Photoshop-Aktion unter [1], Rauschen mit dem Neat-Image-Plug-in [2] oder auch mit dem Photoshop-Filter Rauschen reduzieren. Das hat mir zu denken gegeben: Ist das denn sinnvoll, oder könnte es nicht auch Vorteile haben, wenn man die Schärfungs- und Entrauschungsfunktionen des Raw-Importers nutzt? Immerhin ist dieser doch näher an der Basis, näher am ursprünglichen Datenmaterial, vielleicht auch näher an der speziellen Kamera und ihren Eigenheiten?

  

Jetzt endlich: Der Vergleichstest

Viele Canon-Kameras kann man umstellen, sodass sie gleichzeitig eine Raw- und eine JPEG-Datei aufnehmen. Wenn man diese beiden Dateien nun direkt, ohne Umweg über den Raw-Konverter, in Photoshop lädt und als Ebenen übereinanderlegt, so kann man sehr einfach zoomen, die jew. Ebenen ein- und ausschalten und so vergleichen, wie die Unterschiede ausfallen. Das Laden geschieht am einfachsten via Datei / Skripten / Dateien in Stapel laden …, [ ] Quellbilder nach Möglichkeit ausrichten (nicht ankreuzen).

Abbildung 1: Das Testbild, simultan im JPEG- und Raw-Format aufgenommen.

 

Eine Anmerkung: Wie importiert Photoshop diese Raw-Datei, wenn man dieserart quasi den Raw-Importer überspringt? Was ist mit den Einstellungen hins. Farbraum und Schärfung und Rauschreduzierung? Ein Vergleich hierzu hat ergeben, dass keinerlei Unterschied feststellbar ist zwischen der mit Raw-Importer geladenen (hierbei: alle Presets belassen, alle Einstellungen auf Standard) und der direkt geladenen Datei. Entsprechend verwendet wohl der “unsichtbare” Importer auch ebenjene Standard-Einstellungen.

  

Ergebnis

Ja, die JPEG-Datei ist geringfügig schärfer. Das ist aber kaum nennenswert, hier wurde in der Kamera wesentlich weniger geschärft, als es schon mit wirklich moderaten Einstellungen des Unscharf-Maskieren-Filters geschehen würde.

Abbildung 2: Detailvergrößerung aus dem Testbild, oben: JPEG, unten: Raw.

 

Tatsächlich sieht der Effekt bei genauer Betrachtung eher wie eine farbabhängige Kontrastanhebung aus. S-förmige Kurven für Blau- und Grün-Kanal im Gradationskurvendialog bewirken ähnliches. Was das Rauschen angeht, so wird klar, dass die JPEG-Datei auch leicht entrauscht ist. Aber auch das in einem so geringen Umfang, dass eine Maßnahme wie Photoshops Rauschen reduzieren, selbst mit sehr moderaten Einstellungen wie Stärke: 3, Details erhalten: 20 bereits extremere Ergebnisse liefert. Außerdem gilt dies nur für die Tiefen und Mitten, in den Höhen erscheint das JPEG-Bild aufgrund der leichten Scharfzeichnung bzw. Kontrastanhebung sogar unruhiger. Summa summarum ist also Alexander Heinrichs Workflow wirklich sinnvoll. Schärfung und Rauschreduzierung im Raw-Importer sind zumindest in der Voreinstellung vom Ausmaß her kaum nennenswert. Für etwas extremere Maßnahmen wendet man besser Spezialfilter wie die zwei genannten an, [1, 2]. Zu weiteren Details vgl. auch das Buch von Katrin Eismann, [4]. Übrigens kommt für Experimente mit dem Raw-Format ohne Photoshop auch der freie Raw-nach-DNG-Konverter in Frage, vgl. [3].

  

Quellen

  1. Prima Scharfzeichnungsfilter als Photoshop-Aktion:
    http://www.penum.de
  2. NEAT-Plug-in zur Rauschreduzierung:
    http://www.neatimage.com/
  3. Adobe Raw-nach-DNG-Konverter
    http://www.adobe.com/de/products/dng/
  4. Katrin Eismann. Die kreative digitale Dunkelkammer. OReilly-Verlag, 2008. Anm.: hier wird u.a. auch die Anwendung des Adobe Photoshop-Raw-Importers sehr ausführlich beschrieben:
    http://www.oreilly.de/catalog/creativeddger/
  5. Alexander Heinrichs Photographie: Portfolio und Workshop-Kalender:
    http://www.ah-photo.de/

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