1. Workshop: Kinderportraits

Allgemeines

Was gibt es zu wissen in puncto Kinderportraits, was über die Kniffe bei Portraits von Erwachsenen hinausgeht? Vieles, das zu beachten ist, ist identisch: Tageslicht ist optimal, aber nur diffuses Tageslicht, kein direktes Sonnenlicht. Sonnenlicht lässt die Schatten zu kurz und zu hart werden und verringert mit den immensen Anforderungen an den Kontrastumfang die Auflösung feiner Tonwerte. Scheint die Sonne, so kann man sich mit schattigen Bereichen oder mit einem Diffusor behelfen. Ein zusätzlicher Reflektor komplettiert das Setup. Was die Lichtrichtung angeht, so möchte man idealerweise die Augen strahlen lassen. Entsprechend ist es auch wirklich wichtig, dass auf den Bildern die Augen scharf sind. Stets auf die Augen fokussieren, dann Schärfespeicherung verwenden und dann erst den Bildausschnitt wählen. Vorsicht bei Haaren, die vor den Augen hängen, hier wird der Autofokus auf die Haare fokussieren, die Augen werden dann leicht unscharf. Abhilfe schafft ein leichtes Verringern der Blendenöffnung.
Bisher also alles wie gehabt. Was aber bei Portraits von Kindern noch ein wenig anders ist als bei jenen von Erwachsenen: Besonders wichtig ist es, auf Augenhöhe oder tiefer zu gehen. Wenn man den Blick auffangen kann und Blickkontakt herstellen kann, umso besser. Weiterhin ist das Zubehör, die Dekoration, relevant: Zwei, drei Outfits, Blumen im Haar, eine weiße Decke zum daraufsitzen, ein Kissen, ein paar farblich passende Spielsachen oder Süßigkeiten, idealerweise farbig zum (später unscharf verschwimmenden) Hintergrund passend.

Abbildung 1: Schöne Szene vor einer Blumenhecke mit farblich passenden Süßigkeiten, hier mit bunten Marshmellows (Mausklick aufs Bild lädt eine größere Darstellung).

 

Generell sollte man beim Shooting drei, vier verschiedene Plätze und zwei, drei Outfits ausprobieren und zur Erholung der Kinder auch stets ausgiebige Pausen dazwischen machen. Und wie so oft, so gilt auch hier: Ist das Bild langweilig, dann war man nicht nah genug dran!

Optik und Kameraeinstellungen

Die Kamera wird man idealerweise auf Raw stellen, Weißabgleich auf Auto, und stets nach einigen Aufnahmen das Histogramm und die Clipping-Anzeige checken. Im Zweifelsfall sollte man eine Belichtungskorrektur nach unten vornehmen, –1/3 oder –2/3 EV, um ausgerissene Himmel zu vermeiden. Die optimale Gain-Einstellung ist ISO 100, notfalls auch ISO 200, wenn die Belichtungszeit auf unter 1/50tel Sekunde sinkt. Wichtigstes Gestaltungsmittel ist die Schärfentiefe, das Bokeh, deshalb sollte der Av-Modus gewählt werden. Für die Belichtungsmessung ist der Modus ‚mittenbetont‘ eine gute Wahl. Die Spotmessung auf die Wange wäre zwar perfekt, verleitet aber zu einem zu zentrischen Bildaufbau und bereitet auch sonst oft Probleme. Je nach Szene kann man mit der EV-Kompensation spielen: Helles Gesicht, dunkler Hintergrund: EV = +1/3, helles Gesicht vor noch hellerem Himmel: EV = –1/3 bis –2/3. Eine preiswerte 50-mm-Festbrennweite ist an einer APS-C-Kamera eine gute Wahl, die Blendeneinstellung erfolgt dann je nach Abstand zum Modell zwischen ca. 2,5–5,6 (der Abstand geht direkt in die Tiefenschärfe ein). Generell gilt: Vorsicht bei weit offenen Blenden und geringem Abstand: Hier ist immer auch die Gefahr gegeben, dass das Auge nicht scharf wird. Auch eine gute Wahl ist ein Tele oder Tele-Zoom, da solch ein Objektiv das ‚Freistellen‘ des Modells vor unscharfem Hintergrund noch einfacher macht, allerdings auch das Fokussieren auf das Auge mit Schärfespeicherung erschwert. Ansonsten gilt, dass auch eine preiswerte 50er oder 80er Festbrennweite in guter Qualität stets in puncto Kontrast, Schärfe, Bokeh und Farbwiedergabe leicht jedes teure Zoom schlägt.
Die Verwendung eines (Aufhell)-Blitzes ist nicht unkritisch, da im Regelfall Farbtemperatur, Lichtrichtung und Lichtgerichtetheit nicht mit dem Tageslicht übereinstimmen. Im Zweifelsfall kann man zum Zwecke der Aufhellung auch später in Photoshop die Funktion „Tiefen und Lichter“ verwenden. Wenn doch ein Blitz zum Einsatz kommt, dann am besten mit Diffusor (Schirmchen, Softbox) und u.U. auch mit einem Tageslicht-Filter (Gel) wie bspw. der Lee-204-Filterfolie, entfesselt betrieben, ausgerichtet von links auf vielleicht 45 Grad. Der Farbraum der Kamera sollte auf sRGB eingestellt sein, da die Bilder wahrscheinlich nicht professionell gedruckt, sondern eher auf Automaten abgezogen werden, die kein korrektes Farbmanagement beherrschen. Ein fehlinterpretiertes AdobeRGB- Profil bewirkt dann einen flauen Eindruck der Farben und Kontraste. Auch für die Betrachtung im Internet ist sRGB optimal. Wenn die Bilder im Raw-Modus aufgenommen werden, so kann man natürlich später auch jederzeit leicht nochmals verlustfrei eine AdobeRGB-Variante erzeugen.

Import und Bearbeitung in Photoshop

Im Adobe-Raw-Konverter gibt es seit CS4 gerade für Kinderportraits einen interessanten Kniff: Wenn man den Regler für die sog. Klarheit auf –20 bis –30 einstellt, so erhält man eine wunderbare Weichzeichnung und einen leichten Glow-Effekt (der Trick funktioniert übrigens auch mit JPEGs, man öffnet diese hierzu in Photoshop mittels Datei / Öffnen als … als Raw). Ansonsten wird im Regelfall im Raw-Konverter der Ablauf sein wie stets: Belichtung anpassen, Dynamik leicht erhöhen, Belichtungsfehler reparieren.


Abbildung 2: Ein Kinderportrait, direkt als Raw-File aus der Kamera. Das Licht stimmt, aber sonst ist das Bild noch reichlich fade .

 
Die weitere Bearbeitung erfolgt nach dem Öffnen der Datei in Photoshop: Bildzuschnitt bzw. Crop: Hierzu Auge oder Nase oder andere bildrelevante Teile in den goldenen Schnitt oder ins Drittelraster legen. Dies geschieht am einfachsten mit der Zuschnittschablone „Atrise GoldenSection“ (s. Quellen). Das Format sollte man allerdings auf 2:3 oder 3:2 belassen, um bei späteren Abzügen keine Probleme zu bekommen (bei Abzügen auf z.B. 10×15 cm). Dann erfolgt der Weißabgleich mittels Weißpipette im Levels- bzw. Gradationskurven-Dialog. Vorsicht bei den zarten Hauttönen, vgl. hierzu auch diverse Workshops im Netz oder das Buch von Maike Jarsetz (s. Quellen).
Für einen oft gut passenden High-Key-Effekt kann man einfach die Gradationskurve (Ctrl-l) in der Mitte leicht anheben, noch ein bisschen mehr Dynamik erledigt den Rest (Bild / Korrekturen / Dynamik).
Was Augen, Lippen, Haut, Zähne angeht: Hier ist der Touch-up-Prozess der gleiche, wie bei allen Portraits (s. Quellen).

Abbildung 3: Screenshot in Photoshop: das Touch-up ist fast abgeschlossen, gerade wird die Wirkung der Augen etwas intensiviert (Mausklick aufs Bild lädt eine größere Darstellung).

 

Was die Verwendung einer Vignette betrifft, so ist gerade bei High-Key-Kinderportraits eine negative Vignette, zum Rand hin heller werdend, oft passender: Filter / Verzerrungsfilter / Objektivkorrektur / Vignette +/–. Vorsicht auch hins. der Dynamik: Man kann diese zwar großzügig erhöhen, sollte aber auch stets das Ergebnis in verschiedenen Browsern und per Ansicht / Farb-Proof (auf Monitor-RGB) checken! Auch ein leichter warmer Fotofilter passt oft gut. Desweiteren hilft ein dezentes Abwedeln (Einstellung: Lichter, Einstellwert: um die 2), schöne Reflexe und leuchtende Haarspitzen zu betonen – weniger ist aber beim Abwedeln oft aber mehr. Am besten probiert man auf einer Ebenenkopie, dann kann man am Ende immer noch mittels verringerter Ebenendeckkraft etwas zurückrudern.
Maskiertes Entrauschen beruhigt das Bokeh im unscharfen Hintergrund und hilft auch bei Tonwertabrissen (kritische Bereiche, die scharf bleiben sollen, wie Haare, Augen, Mund und Nase einfach ausmaskieren). Maskiertes, kreatives Schärfen gibt den letzten Kick: Ebenenkopie, entsättigen, Hochpassfilter (Einstellwert: 4), Ebenenmodus auf ineinanderkopieren, Ebenendeckkraft auf 45%, Maske zur Ebene, auf schwarz umschalten per Strg-i, mit weißem weichem Pinsel dann die Augen, Haarspitzen usw. nachmalen und damit leicht schärfen. Danach das Bild in acht Bit umwandeln, als JPEG speichern, fertig!


Abbildung 4: Das Portrait nach der beschriebenen Bearbeitung (Mausklick aufs Bild lädt eine größere Darstellung).

 

Effekte

Mittels Photoshop können auch einige Effekte realisiert werden, die gerade zu Kinderportraits besonders gut passen:

  • Besagter Weichzeichner- oder Gloweffekt via negativer Klarheit
  • Künstliches Bokeh und u.u. auch künstliche Bokeh-Kreise (google: photoshop fake bokeh)
  • Filter / Renderfilter / Blendenflecke
  • Filter / Renderfilter / Beleuchtungseffekte (Vorsicht, erforder ein Konvertieren auf 8 bit)

Auch kann sich die Anordnung dreier zueinander passender Fotos als Tryptichon gut machen.

Abbildung 5: Ein Portrait mit einem dezenten Lense-Flare-Effekt (Mausklick aufs Bild lädt eine größere Darstellung).

 

Summa summarum

Einge gute Vorbereitung ist wichtig, das umfasst eine Ortsbegehung vor den Aufnahmen und das Besorgen des Dekors. Die einzukalkulierende Dauer fürs Shooting ist ca. eine Stunde bis 1,5 Stunden. Hinsichtlich der Aufnahmen ist zu sagen: Viel hilft viel! Wenn man viele (wirklich viele, 200–300) Aufnahmen macht, mit jeweils geänderten Winkeln und Kameraeinstellungen usw., wird man sicher auf eine Ausbeute von vielleicht zwanzig guten Bildern kommen.


Abbildung 6: Noch ein Beispielportrait. Auch hier spielen die Augen wieder eine wichtige Rolle (Mausklick aufs Bild lädt eine größere Darstellung).

Quellen

  1. Youtube: Portrait-Retouche-Workshop (Photoshop, Suche nach: makeover, make-up oder touch-up):
    Beispiele:
    http://www.youtube.com/watch?v=-kIkarvhoa8
    http://www.youtube.com/watch?v=S_lUhLy64XA
  2. Maike Jarsetz: Das Photoshop-Buch People & Porträt. Verlag Galileo Design, 2009.
  3. Maike Jarsetz: Das Photoshop-Buch für digitale Fotografie. Aktuell zu Photoshop CS3. Verlag Galileo Design, 2007.
  4. Workshops speziell zu Hauttönen:
    http://www.dslr-forum.de/showthread.php?t=123643 
    http://openbook.galileodesign.de/photoshop_cs2/photoshop_cs2_05_007.htm
  5. Zuschnittschablone Atrise GoldenSection für Crops im Raster des Goldenen Schnitts. Auf der Website gibt es eine kostenfreie Demoversion, die allerdings nach einiger Zeit einen blickenden Hinweis einblendet:
    http://www.atrise.com/golden-section/  
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