8. Workshop: Fast Food

Fast Food-Workshop

Nein, das hat nichts mit Hamburgern oder Pizza zu tun, nichts mit Fast Food, sondern mit einem schnellen Food-Setup. Auch wer kein Blitzlichtgerät, keine Softbox und keine tolle Großformat-Kamera hat, möchte vielleicht manchmal appetitliche Fotos von schmackhaften Gerichten und Süßspeisen aufnehmen. Der Starfotograf von Jamie Oliver, David Loftus, macht es vor [1]: Es braucht nicht mehr als 1.) diffuses Tageslicht, 2.) einen Aufhellreflektor auf der dem Lichteinfall gegenüberliegenden Seite und – optional, aber schick – 3.) eine Linse mit großer Anfangsblende und damit geringer Schärfentiefe. Wenn man zu Tageslichtzeiten ein Restaurant oder Cafe besucht und einen Fensterplatz erwischt, hat man schon fast alles beisammen. Zu den einzelnen Punkten:

  1. Am Nordfenster ist das Tageslicht auf jeden Fall diffus! Wenn man das Pech hat, direkt im strahlenden Sonnenlicht zu sitzen, so kann man vielleicht mit einem Diffusor arbeiten (Stückchen Pergament osä.) oder auch einfach einen Schatten über dem Teller erzeugen. Direktes Sonnenlicht, gerade um die Mittagszeit, ist wirklich unvorteilhaft, weil es die Farben auswäscht und unschöne Glanzlichter und zu kurze, harte Schatten erzeugt. Summa summarum: Ideal ist ein bedeckter Tag zur Zeit des frühen Nachmittages.
  2. Ein Aufhellreflektor auf der anderen Seite hebt die Schatten etwas an. Verwenden kann man ein Blatt Papier oder auch die Speisekarte.
  3. Eine Linse mit geringer Schärfentiefe* oder notfalls auch eine Kompaktkamera im Makromodus tun ein Übriges (vgl. auch [8]). Ersteres haben fast alle SLR-Kamerahersteller für wenig Geld in Form einer 50-mm-Linse mit f/1.8 im Programm. Die Bildqualität wird meist (noch) besser, wenn man auf f/1.4 oder f/1.2 geht, die Preise steigen aber exponentiell. Weiterhin ist hier Vorsicht geboten: Man sieht es auch auf den zwei Beispielen. Beim Toast ist die Schärfentiefe noch gerade in Ordnung (Av=f/1.6), bei den Bratkartoffeln fast schon zu knapp, trotz Av=f/2.2. Wie kommt das, wenn doch im zweiten Fall die Blendenöffnung sogar kleiner ist? In die Berechnung der Schärfentiefe geht auch die Gegenstandsweite (Objektdistanz) ein, und diese war im zweiten Fall geringer. Am besten schießt man eine ganze Reihe von Fotos mit unterschiedlichen Abständen und Blendeneinstellungen.

 

Abbildung 1: Ein Schinken-Käse-Toast in einem Wiener Cafe  (Anklicken für eine Vergrößerung). Von links, vom Fenster fällt Tageslicht ein, die rechts aufgestellte Speisekarte dient als Aufhellreflektor. Objektiv: 50 mm f/1.4 an APS-C, leicht abgeblendet auf 1.6. ISO 200, Raw-Format. Die Belichtungsautomatik hat 1/80 Sekunde ausgerechnet, was noch gut aus der Hand geht.

 

Abbildung 2: Symbolisches Setup zum Toast-Foto.

 

Noch zwei Worte zur Linse: Auch die besten Linsen sind bei Offenblende leicht unscharf, ein ganz leichtes Abblenden um 0.2 oder 0.4 kann hier schon eine wesentliche Verbesserung bewirken. Das muss man aber abwägen, wenn man schöne, runde Bokeh-Kreise im Hintergrund erzielen möchte. Dafür ist die Blende wiederum im Idealfall weit offen (kreisrund) und nicht geschlossen (sechs- oder achteckig). Im Toast-Beispiel kommen die Kreis’chen übrigens durch zwei Wassergläser im Hintergrund zustande.

Abbildung 3: Bratkartoffeln mit Dip (Anklicken für eine Vergrößerung). Von links, vom Fenster fällt wieder Tageslicht ein, das rechts aufgestellte Kochbuch dient als Aufhellreflektor. Objektiv: 50 mm f/1.4 an APS-C, leicht abgeblendet auf 2.2. ISO 100. Raw-Format. Die Belichtungsautomatik hat 1/40 Sekunde ausgerechnet, was gerade noch so aus der Hand geht.

 

Abbildung 4: Setup zum Bratkartoffel-Foto (Anklicken für eine Vergrößerung).

 

Der Lichteinfall wurde übrigens bei beiden Beispielen von schräg vorne links gewählt, und das ist kein Zufall. In unserem Kulturkreis ist es der Mensch gewöhnt, Texte und Bilder von links nach rechts zu erfassen. Für ein harmonisches Bild sollte das Licht von links kommen (das gilt auch für schmeichelhafte Portraits), für ein leicht dissonantes Bild von rechts (für härtere, kantigere Männerportraits…), vgl. hierzu auch [7].

Die Nachbearbeitung in Photoshop ist überschaubar und könnte bis auf den Raw-Import auch mit einem Tool wie Picnik [6] erfolgen. Das Raw-Format wurde hier gewählt, weil es mehr Spielraum hins. der nachfolgenden Bearbeitung erlaubt. Gerade bei einer Erhöhung der Sättigung treten sonst sehr rasch hässliche Tonwertabrisse auf (der Effekt heißt auch Banding oder Posterization). Die Schritte sind wie folgt:

  • Raw-Import mit dem Photoshop-Raw-Importer, dabei auch Weißabgleich (Grauwertpipette auf neutrale Stelle: Teller, Gabel, Serviette) und Belichtungskorrektur.
  • Dezente Sättigungsanhebung
  • Dezente (maskierte) Scharfzeichnung der scharfen Bereiche
  • Dezente (maskierte) Rauschreduzierung in den unscharfen Bereichen
  • Leichte Vignette
  • Reduktion auf 8 bit, Speicherung als JPG

 Weitere Anregungen kann man sich aus den Portfolios bspw. unter [3]-[5] holen. Weiterhin gibt es auch hier im Workshop-Bereich einen umfangreicheren, dreiteiligen Workshop [2].

* Schärfentiefe oder Tiefenschärfe, laut Wikipedia ist mittlerweile beides erlaubt.

Quellen

  1. Portfolio von David Loftus (dem Food-Fotografen von Jamie Oliver):
    http://www.davidloftus.com/
  2. Food-Workshop I-III, weiter oben auf diesen Seiten:
    https://fotopraxis.wordpress.com/workshops-2/food-food-food-i/
    https://fotopraxis.wordpress.com/workshops-2/food-food-food-ii/
    https://fotopraxis.wordpress.com/workshops-2/food-food-food-iii /
  3. Wunderbare, natürliche Food-Fotos von Mila0506@flickr:
    http://www.flickr.com/photos/mila0506/
  4. Wunderbare Vegan-Food-Fotos SonicWalker@flickr:
    http://www.flickr.com/photos/sonicwalker/
  5. Auch klasse Fotos von Nicole Stich@DeliciousDays:
    http://www.deliciousdays.com/
  6. Picnik, empfehlenswertes kostenloses Online-Bildbearbeitungs-Tool, läuft im Browser:
    http://www.picnik.com/
  7. Oliver Gietl: Fotografieren im Studio: Der perfekte Umgang mit Licht.Galileo-Press-Verlag, 2009.
  8. Workshop: Geringe Schärfentiefe mit Kompaktkameras:
    https://fotopraxis.wordpress.com/workshops-2/workshop-geringe-scharfentiefe-und-schones-bokeh-bei-kompaktkameras/

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