4. Food, Food, Food, I

Food, Food, Food
Part I – Licht

Eine Vorbemerkung: Wieso ist der Food-Workshop dreigeteilt? Weil es darüber, nach meiner Meinung zumindest, so viel zu sagen gibt. 🙂 Obst, Fisch, Fleisch, Gerichte, Backwaren, Süßes aus aller Herren Länder bieten uns einen Reichtum, der zur optimalen Darstellung auch einen größeren Werkzeugkasten fordert, als bspw. simple Objekte für die eBay-Versteigerung. Der Workshop ist folgendermaßen aufgebaut:

I. Licht
II. Optik und Equipment
III. Weiterführendes (interessante Portfolios und Weblogs, Literatur)

  

Nun weiter zum Text zu Part I – Licht …

Im Prinzip ist es ganz einfach: Ein schön angerichteter Teller (nicht gerade Gulasch oder Haggis, eher französische Patisserie), das richtige Licht (Tageslicht, Nordfenster), der richtige Winkel, ein Reflektor, fertig. Und tatsächlich: Es läuft wirklich fast immer auf diese einfachen Schritte hinaus, nur manchmal ist der Teller ein Backblech oder der Tisch eines Kindergeburtstags. Und das Licht kommt nicht vom Nordfenster, sondern vom Südfenster, durch einen Diffusor, oder von einer Softbox oder einem Umbrella. Und der Winkel, eigentlich die Winkel, sind nicht zu unterschätzen. Der Winkel zwischen einfallendem Licht und Objekt, der Winkel zwischen einfallendem Licht und Kamera. Der Einsatz des Reflektors (oder Spiegels ) ist dann wieder relativ einfach: Er wird üblicherweise so verwendet, dass er die Schatten auf der der Lichteinstrahlung gegenüberliegenden Seite aufhellt.

Alles steht und fällt mit dem richtigen Licht. Gutes Tageslicht ist am schönsten, am natürlichsten, aber auch problematisch hinsichtlich der Wiederholbarkeit (die Sonne wandert, Wolken ziehen vors Fenster) und hinsichtlich der Verfügbarkeit (abends im Restaurant scheint keine Sonne). Dennoch kann man hiervon ausgehend einiges verallgemeinern:

  • Bei der Food-Fotografie wird meist ein Hauptlicht verwendet, welches die Schatten bestimmt. Meistens ist es ein diffuses Licht: Tageslicht vom Nordfenster, Sonnenlicht durch Diffusor, Softbox, Umbrella, angeblitzte Wand, angeblitzter Reflektor (zur Vergrößerung der Lichtquelle).
  • Ein Aufhelllicht – ein simpler Reflektor oder auch eine schwächere zusätzliche Lichtquelle – kann gegenüber der Hauptlichtquelle eingesetzt werden, um die Tiefen der Schatten zu mildern, sollte aber keine neuen Schatten erzeugen.
  • Akzentlichter können durch kleine Spiegel und weitere Reflektoren (passive Lichtquellen) gesetzt werden. Auch möglich ist ein zusätzlicher Blitz (aktive Lichtquelle) mit bündelnden Lichtformern wie Snoots oder Projektionsoptiken.
  • Eine vierte Lichtquelle kann erforderlich werden, falls der Hintergrund – bspw. für Freisteller – als reinweiß weggebrannt werden soll (zwei Blitze schräg von links und rechts gegen den Hintergrund richten) oder auch, wenn man einen in der Tiefe heller werdenden Helligkeitsverlauf wünscht. Für verschiedenfarbige Hintergründe könnte man diese Lichtquellen auch mit Farbfiltern (Gels) bestücken.

  

Für das Hauptlicht sind Nordfenster und Softbox oder Umbrella fast austauschbar. Man könnte fast die Behauptung wagen, dass bei optimaler Einstellung selbst der Profi nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob die Fotos mit Tageslicht aufgenommen wurden. Nicht-diffuses, gerichtetes Sonnenlicht ist übrigens fast immer kritisch. Die Schatten sind zu hart (zu scharf umrissen und zu dunkel) und die Intensität des Lichts bleicht die Farben aus bzw. verhindert die Auflösung feiner Nuancen und Übergänge. Weiterhin ist auch oft der Winkel ungünstig. Was aber manchmal gut funktioniert ist, ein Gericht im Schatten zu fotografieren und mithilfe von kleinen Spiegeln das direkte Sonnenlicht punktuell für ein paar interessante Highlights darauf zu lenken. Möglich ist es auch, mit bspw. einer Taschenlampe interessante Highlights zu setzen, Vorsicht generell bei Mischlicht (Blitz und Sonnenlicht: um die 5500 Kelvin, Glühwendellampe: um die 3000 Kelvin Farbtemperatur). Das ergibt schwierig zu handhabende und unecht wirkende Szenen. Was übrigens auch nicht gut funktioniert, ist die Verwendung der verfügbaren Raumbeleuchtung. Die meist zu warme Farbtemperatur könnte man mit einem Weißabgleich noch einigermaßen kompensieren, aber auch der Einfallwinkel ist meist ungünstig, und weiterhin sind die Lichtquellen nicht ausreichend diffus.

Bisher war es einfach, man könnte nun eigentlich so langsam einen Teller bspw. mit Obst für erste Versuche zusammenstellen, ein Nordfenster aufsuchen (oder ein Südfenster mit einem Bettlaken davor) und einen Reflektor basteln (ein, zwei Blatt Papier auf irgend etwas standfestes aufkleben, auf ein dickes Buch bspw.). Beim Umgang mit Tageslicht ist übrigens die Verwendung eines Stativs eine gute Idee, um Bewegungsunschärfe bzw. Verwackeln zu vermeiden. Bei Blitzlicht ist dies weniger kritisch, da die Blitzdauer und nicht die eingestellte Belichtungszeit die Belichtungsdauer bestimmt – in nur wenigen tausendsteln einer Sekunde kann man nicht viel verwackeln.

Schwierig wird es nun, die richtigen Winkel zu finden. Hier kann wohl niemand eine perfekte Gebrauchsanweisung geben, aber ein paar Tricks der Profis kann man schon abschauen: So sollte das Licht nicht im gleichen Winkel wie die Kamera gerichtet sein (keine oder nur kurze Schatten, unschöner flacher Look wie vom internen Blitz). Für bestimmte Nahrungsmittel sollte das Licht von hinten oder schräg hinten kommen, um sie richtig leuchten zu lassen (Kiwischeiben, Zitronenscheiben, Fischrogen, …), für andere Gerichte wiederum eignet sich ein Licht von links, etwas von oben kommend. Und auch von vorne rechts oder zentral von oben sind sinnvolle Möglichkeiten. Weiterhin sollten Anschnittflächen von Wurst, Brot, Obst oder Kuchen nicht im Schatten liegen, sondern gut beleuchtet sein. Das sollte man alles testen, am besten im Livebild-Modus oder per Tethered Shooting mit der Kamera am PC oder am TV.

Übrigens: Wenn das Setup eingerichtet ist, das Gericht schön arrangiert, die Lichtquelle positioniert (oder das Gericht im Winkel zum Fenster perfekt eingedreht), so kann auch eine geringe Veränderung des Kamerawinkels, bspw. um eine schönere Ansicht vom Teller zu bekommen, die Lichtwirkung verändern. Hier ist immer relevant: 1.) der Winkel des Lichts zum Objekt und 2.) der Winkel der Kamera zum Licht.

Eine gute Übung ist es, einmal zu versuchen, ein paar Fotos von guten Food-Fotografen und -Stylisten nachzustellen. Hierbei lernt man auch rasch, aus dem Foto auf die verwendeten Lichter zu schließen. Hinweise geben bspw. die Schatten und die Glanzlichter.

Es folgt ein kommentiertes Beispiel, wie man einen brauchbaren Lichtaufbau mit überschaubarem Aufwand realisieren kann (Mausklick auf die Bilder lädt eine größere Darstellung):

Bild 1: Das Setup für den Frucht-Cocktail: Ein Tisch mit schöner Deko vor einem Tageslichtfenster. Links ein weißer Durchlichtschirm, rechts ein zweiter Blitz mit Snoot, um den zweiten Fruchtcocktail aufzuhellen. Rechts vorne ein Spiegel. In den Cocktailgläsern, in welche später der Fruchtsalat kommt, befinden sich im Moment “Lichtstatisten”: ein paar Bonbons, eine Kerze. Im Hintergrund stehen noch ein paar Gläser und eine Pflanze für ein schönes Bokeh. Beide Blitze: Yongnuo YN-460, RF-getriggert via Yongnuo RF-602.

   

Bild 2: Ein erster Test des Licht-Setups. Von links nach rechts:
Nur Tageslicht
Tageslicht + Durchlichtschirm
Tageslicht + Durchlichtschirm + Snoot-Blitz.

   

Bild 3, 4, 5: Ergebnisse nach leichter Photoshop-Retusche.

   

Der Autor Lou Manna widmet übrigens in seinem Buch ‚Digital Food Photography‘ der Beleuchtung, den unterschiedlichen Winkeln und Szenarien und verschiedenen Tests ein ganzes Kapitel – auf jeden Fall eine lohnenswerte Lektüre (Quelle siehe Teil III dieses Workshops, hier finden sich auch andere Quellen, auch hins. verschiedener Licht-Setups).

Zur Gestaltung: Oft sieht man aktuell präzise, fast schon geometrisch exakt wirkende Arrangements mit nur wenig Dekoration. Der Blickwinkel wird oft als Close-Up flach zum Tisch, aber mit ein wenig Schräge zum Gericht gewählt, der Bildausschnitt schneidet oft auch den Tellerrand an. Die oft verwendete sehr geringe Schärfentiefe wird manchmal durch Arrangements verstärkt, die sich in den Hintergrund ausdehnen: eine lange Reihe von Brötchen oder Pralinen, ein Teller mit Gedeckteller und Gläsern dahinter usw.

Hinsichtlich des Arrangements und der Deko kann man sich viele Ideen aus den Portfolios bekannter Food-Stylisten oder auch von http://www.stockfood.com abschauen. Schöne Tischdecken oder andere Unterlagen und eine gewisse Auswahl an alten oder sehr modernen Bestecken ist sinnvoll. Vorsicht auch: die Marke des Geschirrs oder Bestecks sollte nicht erkennbar sein. Essen wird oft unter Zeitdruck aufgenommen, schnell fallen Bierschaum oder Sahne zusammen, die Soße trennt sich und das Eis schmilzt. Am besten misst man also vorher die Szene mit einem Dummy auf dem Teller ein (etwas, was so ähnlich aussieht wie das spätere Gericht) und macht ein paar Probeaufnahmen, so wie im Beispiel oben. Zu weiteren Details zum Food-Styling vgl. auch die Quellensammlung in Part III dieses Workshops.

Es folgen noch zwei Beispiele: Zuerst eine gedeckte Tafel im Tageslicht (im Gegenlicht), dann eine Gegenüberstellung: ein Wienerschnitzel im Tageslicht, einmal mit dem Licht, einmal im Gegenlicht.

Bild_6
Bild 6: Gedeckter Esstisch im Gegenlicht (Tageslicht), mit etwas Photoshop-Zutun.

 

 
Bild_7
Bild 7: Wiener Schnitzel, Gegenüberstellung mit / ohne Gegenlicht.

Ein erstes Fazit:

Diffuses Tageslicht ist gut geeignet, diffuses Blitzlicht auch, der Winkel der Lichtquelle zum Objekt und der Winkel der Kamera zur Lichtquelle ist wichtig, Diffusoren hellen zu starke Schatten auf, Gegenlicht kann Gerichte interessanter wirken lassen. Schatten sind wichtig, aber die Qualität sollte stimmen (nicht zu viel, nicht zu hart).

Das Licht sollte immer auf das Gericht abgestimmt sein: Sushi mit Lachskaviar (vgl. den Sushi-Workshop): Licht von schräg hinten – das lässt die transluzenten Zutaten schön aufleuchten. Zwetschgenkuchen (vgl. Part II): Licht auf die Anschnittseite der Zwetschgen, um diese zum funkeln zu bringen. Schnitzel mit Pommes Frites: Wieder diffuses Gegenlicht, um die Fritten und auch die Salatgarnitur zum Leuchten zu bringen.

Der zweite Teil des Food-Workshops behandelt die Wahl und Einstellung der Optik und die Einstellungen an der Kamera.

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