5. Workshop Farb-Management. Willkommen in der Hölle!

Wieso Hölle?

Eigentlich ist das doch alles ganz einfach und mittlerweile gut gelöst. Man schafft sich einen guten Monitor mit PVA- oder S-IPS-Panel und ein Kalibrier-Tool an. Bei mir sind das folgende Geräte, die ich jederzeit wieder kaufen würde:

  1. Eizo SX2262WH-BK, S-PVA-Panel, 98 % AdobeRGB, ab ca. 700 Euro
  2. Datacolor Spyder3Express, um die 80 Euro, großer Vorteil gegenüber Spyder2Express: hier kann man umschalten zwischen profiliert und unprofiliert.

Nun kann man noch flugs kalibrieren und fertig ist die Laube. Um auf der sicheren Seite hinsichtlich Fehlinterpretationen des ICC-Profils zu sein, habe ich in der Kamera sRGB eingestellt. Die geringen Qualitätseinbußen gegenüber AdobeRGB sind für mich vertretbar Außerdem fotografiere ich in Raw, kann also später auch im Raw-Konverter verlustfrei umstellen. Aber aktuell ist bei mir der Workflow folgendermaßen durchgängig auf sRGB ausgelegt und funktioniert auch prima mit Druckereien zusammen (mehrfach verifiziert, Whitewall usw.):

  • Kamera: eingestellt ist Raw-Format und Farbraum sRGB
  • Raw-Konverter Adobe CameraRaw: Exportiert 16-bit-Daten und sRGB
  • Photoshop: sRGB, 16-bit so lange wie möglich, am Ende der Bearbeitung: Speicherung als sRGB JPG in 8 bit.
  • Bildbetrachter: IrfanView mit installierten Plug-Ins, kann Raws lesen und beherrscht mittlerweile auch Color Management (das ist an- und ausschaltbar)
  • Browser: Internet Explorer 8.0.6001 und Firefox 3.6.8

 

Tja, und: Firefox beherrscht Farb-Management (und hat das mittlerweile auch standardmäßig eingeschaltet)  und der Internet Explorer leider nicht! Das heißt im Klartext: Ich kann die Bilder so optimieren, dass sie im Druck und in Browsern mit Farbmanagement gut aussehen. Da aber sicher noch rund 10–30 % der Betrachter der Bilder im Web mit Browsern ohne Farb-Management arbeiten, sollte ich die Bilder im Idealfall auch so optimieren, dass sie auch dort gut aussehen.

Für einen Eindruck, wie die Bilder ohne Farb-Management, also ohne Auswertung des sRGB-ICC-Profils aussehen, kann man sie in Irfanview (Options / Properties / [ ] Enable Color Management) oder im Internet Explorer anschauen oder auch einfach während der Bearbeitung in Photoshop “proofen”:

  • Ansicht / Proof einrichten / Monitor-RGB
  • Ansicht / Farb-Proof

 

Wer das nun nachvollzieht, der braucht wahrscheinlich erstmal einen Cognac! Die Bilder sehen je nach Bildmaterial auf einmal völlig anders aus. Problematisch sind gesättigte Rot-Töne (Haut, Kleidung) und gesättigte Cyan-Töne (Himmel, Meer). Hier sind die Fehlinterpretationen teilweise so krass, dass die Farben fast neonartig leuchten. Nun möchte man das natürlich so nicht im Web veröffentlichen, also passt man die Sättigung ein bisschen an, schaltet immer wieder Proof ein und aus und versucht, einen Mittelweg zu finden. Damit ist dann das Neon-Bild zwar nicht mehr völlig übersteuert, aber immer noch grell und das ICC-Bild sehr weit entsättigt und flau. Schlimm!

Unten findet sich ein Beispiel, wie das dann aussieht. Gezeigt ist ein Bild, bestehend aus zwei Screenshots, das gleiche Bild, einmal mit, einmal ohne Farb-Management. Diesen Screenshot wiederum habe ich extra ohne ICC-Profil abgespeichert, sodass auch ein Viewer mit eingeschaltetem Farb-Management das Bild so zeigt, wie einer ohne. Mit anderen Worten, das Bild sieht in Internet Explorer und Firefox gleich aus.

Abbildung 1: Screenshots, links die Interpretation der Bilddaten ohne Farb-Management, rechts mit. Diese Bilddatei, bestehend aus den zwei Screenshots, enthält kein ICC-Profil, sie sieht in Firefox und IE identisch aus.

    

Im zweiten Bild ist das ICC-Profil noch vorhanden:

Abbildung 2: Screenshots, links die Interpretation der Bilddaten ohne Farb-Management, rechts mit. Diese Bilddatei, bestehend aus den zwei Screenshots, enthält noch das urspüngliche ICC-Profil, sie sieht in Firefox und IE unterschiedlich aus.

    

Das Problem ist unlösbar. Ich gehe nun wahrscheinlich dazu über, kaum mehr Wert auf das Monitor-RGB-Proofing zu legen und – auch in Anbetracht der aktuellen Nutzungsstatistiken zu Webbrowsern – die Bilder nur noch für Browser und Betrachter und Drucker mit Farb-Management zu optimieren. Vielleicht noch mit einem kleinen Beitext fürs Web: “Optimized for viewing with browsers with color management, i.e. Firefox or Safari.”

Abbildung 3: Browser-Statistik, Nutzungsverhalten (Shinystat-Statistik über die letzten sechs Monate zur Nutzung der Website http://www.praxisbuch.net/embedded-linux . Stand: 2010-08-29).

    

Früher musste man übrigens in Firefox das Farb-Management explizit einschalten, mittlerweile ist es standardmäßig aktiv. Da Firefox auch Updates automatisch einspielt, und da die größte Usergruppe Firefox nutzt (vgl. das Chart,Tendenz steigend), kann man wohl davon ausgehen, dass man mit profilierten und für Farb-Management optimierten Bildern bereits eine sehr große User-Gruppe von 70–90 % erreicht.

Im Anschluss finden sich noch einige weiterführende Quellen zum immernoch recht komplexen und auch frustrierenden Thema Farb-Management.

Quellen

  1. Katrin Eismann u.a.: „Die kreative digitale Dunkelkammer“, O’Reilly-Verlag, 2008.
  2.  Tilo Gockel: Produkttest und Workshop zum SpyderCube der Firma Datacolor:
    https://fotopraxis.wordpress.com/workshops-2/spydercube-statt-graukarte/
  3. Tobias Huneke: Website and Services zum Thema Farb-Management:
    http://www.iccview.de
    http://www.iccview.de/images/stories/iccview/ICCView-Colormanagement.pdf
  4. Test: Ist Ihr Monitor Adobe-RGB-tauglich?
    http://www.colormanagement.org/download_files/Gamutvisualisierung.zip
  5. Andreas Beitinger: Website zum Thema Farbräume und Farb-Management. Besonders interessant: Testbilder zur Leistungsfähigkeit des Browsers / Displays:
    http://foto.beitinger.de
    http://foto.beitinger.de/browser_farbmanagement/farb-testbilder.html
  6. Martin Evening: Photoshop CS4 für Fotografen. Verlag Addison-Wesley, München, 2009.

tgo, 2010-08-29

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Ein Kommentar

  1. Torsten

    Wenn man den Firefox für Windows entsprechend einstellt, zeigt er sRGB-Fotos ohne eingebettetes sRGB-Profil korrekt an. Fast alle Fotos ohne Profil sind sRGB-Fotos. Er weist also profillosen Bilder sRGB zu.

    Die Einstellung erreicht man indem man „about:config“ in die Adressleiste des Browser eingibt und dann den Parameter:

    gfx.color_management.mode

    auf 1 setzt.

    Den Firefox muss man jetzt noch beenden und neu starten.

    Eingebettete Profile werden natürlich weiterhin berücksichtigt.

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