„1/50stel geht noch gut aus der Hand.“

Wer hat ihn noch nicht gehört, diesen schönen Satz! Eine immer wieder gerne vorgebrachte Faustregel unserer Väter und Großväter zum Thema: Welche Belichtungszeit kann man noch verwackelungsfrei aus der Hand verwenden.

Die Regel ist tatsächlich hilfreich, allerdings bei der heutigen Technik nur mit einigen Erweiterungen. So wurde die Regel aufgestellt für den Umgang mit Kleinbild-Kameras (24 mm x 36 mm) bei einer „Normal“-Brennweite von 50 mm und damit einem Bildwinkel von rund 50 Grad („normal“ im Sinne von: dem menschlichen Sehsinn ähnlich). Wer aber Objektive anderer Brennweite verwendet, der musste auch damals schon umrechnen, da Teleobjektive verwackelungsanfälliger sind:

 „Bei Kleinbild geht eine Belichtungszeit von 1/Brennweite noch gut aus der Hand.“

Weiterhin werden heute meist Sensoren verbaut, die kleiner sind als das Kleinbildformat. Hier kann man die Regel nur anwenden, wenn man den Bildausschnitt umrechnet. Dies geschieht über den sog. Crop-Faktor, der bspw. bei den verbreiteten APS-C-Sensoren 1,6 beträgt. Ein Beispiel hierzu:  An einer APS-C-Kamera zeigt ein 50mm-Objektiv einen Bildausschnitt wie ein 80 mm-Teleobjektiv an einer Kleinbild- bzw. (werbewirksamer) Vollformat-Kamera. Die Brennweite ändert sich natürlich faktisch nicht, man spricht aber von einer „gefühlten“ Brennweitenänderung, um wieder einen Bezug zum Kleinbild bzw. zu bekannten Bildwinkeln herstellen zu können.*

„Eine Belichtungszeit von (1/Brennweite)/Crop-Faktor geht noch gut aus der Hand.“

Schon besser, aber immer noch nicht allgemeingültig: Moderne Objektive verfügen mittlerweile oft über einen aktiven Verwackelungsschutz (Bezeichnungen: Image Stabilization IS, Vibration Control VC usw.) . Hiermit sind dann wieder längere Belichtungszeiten möglich, je nach System spricht man von rund 3..4 Blenden (im Jargon ist eine Blende einfach eine Belichtungsstufe bzw. eine Verdoppelung der Belichtungszeit), entsprechend von rund einem Faktor 8 bis 16 bei der Belichtungszeit. Das führt uns endlich zur aktualisierten Version der Regel unserer Väter:

„Eine Belichtungszeit von [(1/Brennweite)/Crop-Faktor] * (8..16 mit IS)  geht noch gut aus der Hand.“

 

* Fußnote: Hier streiten sich die Geister hins. unscharfer Begriffe wie „Gefühlte Brennweite“  oder „Scheinbare Brennweitenverlängerung“ usw. Ich würde aber doch meinen, dass ein Bezug aufs Kleinbildformat sinnvoll ist, um dem Anwender eine Vorstellung von der Größe der Abbildung zu geben.

Ein Beispiel hierzu: Das Objektiv der Canon G10-Kompaktkamera besitzt einen Brennweitenbereich von 6,1-30,5 mm. Ich kann aber leider mit dieser Größe überhaupt nichts anfangen, so lange mir die Größe des Sensors nicht bekannt ist. Und diese rauszubekommen ist nicht einfach, manchmal fast unmöglich! Hier zieren sich die Kamerahersteller. Irgendwann finde ich: 1/1.7 Zoll, weiß aber, dass dies nicht etwa die Diagonale meines CCDs ist, sondern eine historische Größenangabe in Bezug auf die früher verwendete Vidicon-Röhre. An die Kritiker der „Gefühlten Brennweiten“:  Nun? Wie lauten denn nun die Angaben zu Breite und Höhe oder Diagonale …?  😉 Mit der Angabe des Kleinbildäquivalents 28-140 mm habe ich doch zumindest eine gute Vorstellung, wieviel Weitwinkelbereich ich zur Verfügung haben werde und wie lang das Tele wirken wird.

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Ein Kommentar

  1. Mattias Seidel

    Was mir bei solchen Überlegungen fehlt, ist der Einfluss der Auflösung. Nicht messbar verwackelt bedeutet für mich, dass das Licht einer punktförmigen Lichtquelle (eine gute Näherung wäre z.B. ein Fixstern) auf nur einen Pixel abgebildet wird. Je feiner die jedoch auf dem Sensor sind, desto weniger darf sich die Kamera während der Aufnahme bewegen. In diesem Sinne ist eine 6MP-Kamera dann ca. drei mal so lange zu belichten wie eine 60MP-Kamera, bevor das Licht verschmiert wird. Erst wenn ich das Bild der 60MP-Kamera auf 6MP herunterrechne, kannn ich mir tatsächlich den gleichen „Tatter“ erlauben.

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