1. Workshop: Makrofotografie

Anspruchsvolle Fotografie versucht wohl stets, dem Betrachter neue, faszinierende Ansichten unserer Welt zu bieten. Seien es ungewöhnliche Langzeitbelichtungen oder sehr kurze Belichtungen, Teleaufnahmen, um wilde Tiere extrem nah erscheinen zu lassen oder auch Makroaufnahmen von kleinsten Details wie Facettenaugen von Insekten.

Der Begriff ‘Makro’ wird mittlerweile salopp auch für viele Objektive gebraucht, die eine vergleichsweise geringe Minimale Objektdistanz MOD zulassen, so auch bspw. für das Tamron Superzoom 18-270 (Beispielfoto s. unten). Tatsächlich ist die Bedeutung dieses Begriffes aber festgelegt auf einen Abbildungsmaßstab größergleich 1:1. Im Detail heißt dies, dass das Objekt in einer bestimmten Größenausdehnung (Breite x Höhe) im Maßstab [mm] auch mindestens in dieser Größe (Breite x Höhe in [mm]) auf dem Film oder dem Sensor der Kamera erscheint. Je nach Größe des Sensors (4/3, APS-C, Kleinbild, Mittelformat …) ist das Objekt damit folglich auch mehr oder weniger bildfüllend.

Profi-Makrofotografen verwenden spezielle Makro-Objektive, die aber nicht ganz billig sind. Ein erster Einstieg gelingt auch mit einfacheren Mitteln. In den Bildbeispielen wurde durchgängig das gleiche Objekt – eine goldene Taschenuhr – mit verschiedenen Objektiven, mit Lupenvorsatzlinsen, Zwischenringen und mit Umkehr- bzw. Retro-Adapter fotografiert, um einen Eindruck von der erzielbaren Vergrößerung zu geben (Details stehen unter dem jeweiligen Bild). Die Bilder wurden alle bequem und ohne Blitz unter dem Licht einer Schreibtischlampe aufgenommen (White Balance auf Tungsten, Gain um die 800 ISO). Hierzu musste allerdings die Blende stets weit geöffnet werden – eine Einstellung, die auch die sehr geringe Schärfentiefe erklärt. Mit optimaler Blendeneinstellung und Blitzlicht (Ringlicht) sind hier wesentliche Verbesserungen möglich.

Eine kurze Anmerkung noch zur Scharfeinstellung: Meist ist der Autofokus im Makrobereich nicht mehr wirklich hilfreich. Viel einfacher ist es dann, manuell den Fokus vorzugeben und durch Vor- und Rückbewegung der Kamera scharfzustellen.

 

50mm-klein
Abbildung 1: Gezeigt ist der größtmögliche Abbildungsmaßstab des Canon EF 50 mm f/1.8-Normalobjektives. Die MOD beträgt ca. 0,5 m, das Objektiv ist zumindest ohne Erweiterung für Close-Ups oder Makros ungeeignet. Kamera hier und im folgenden: Canon EOS 500D (APS-C-Format).

 

18-270mm-klein
Abbildung 2: Größtmöglicher Abbildungsmaßstab beim Tamron 18-270-Superzoom. Um in den Close-Up-Bereich vorstoßen zu können, muss das Objektiv maximal auf Tele eingestellt werden (f = 270 mm) – es wird relativ unhandlich und es besteht Verwackelungsgefahr.

 

18-55mm-klein
Abbildung 3: Größtmöglicher Abbildungsmaßstab beim Canon 18-55-Kit-Zoom-Objektiv. Auch bei diesem Zoom muss für Close-Ups die Brennweite maximal auf Tele eingestellt werden (f = 55 mm). Das Objektiv ist bereits gut geeignet für Close-Ups, allerdings ohne Erweiterung vom Makrobereich noch weit entfernt.

 

18-55mm-4xVorsatz-klein
Abbildung 4: 18-55-Kit-Objektiv mit Vorsatzlinse B+W 4x (f = 55 mm).

 

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Abbildung 5: 18-55-Kit-Objektiv mit Vorsatzlinse B+W 10x. Mit dieser Kombination lassen sich mit einer geeigneten Lichtquelle bereits Details in den Facettenaugen von Schwebfliegen sichtbar machen (Bildbeispiele finden sich in der Galerie).

 

18-55mm-ZwiRinge13-klein
Abbildung 6: 18-55-Kit-Objektiv mit 13mm-Zwischenring (f = 55 mm).

 

18-55mm-ZwiRinge31-klein
Abbildung 7: 18-55-Kit-Objektiv mit 31mm-Zwischenring (f = 55 mm).

 

18-55mm-ZwiRinge65-klein
Abbildung 8: 18-55-Kit-Objektiv mit Zwischenringkombination 13 mm+21 mm + 31 mm = 65 mm (f = 55 mm).

  

18-55mm-Retro1-klein
Abbildung 9: 18-55-Kit-Objektiv mit passivem Retro-Adapter (f = 18 mm (!), beim Einsatz eines Retro-Adapters ist der Abbildungsmaßstab bei kleinster Brennweite maximal).

Im weiteren seien noch einige Details zur hier verwendeten Hardware genannt:

Vorsatzlinsen B+W 4-fach und 10-fach
Bezugsquelle: http://www.versandhaus-foto-mueller.de
Kosten: 4-fach: ca. 20 Euro, 10-fach: ca. 40 Euro.

Anmerkung: Diese einfachen Linsen, die in das Filtergewinde des Objektives geschraubt werden, sind neben passiven Zwischenringen die preiswerteste Möglichkeit, in den Makrobereich reinzuschnuppern. Vorsicht ist bei der relativ dicken 10-fach-Linse geboten. Sie berührt zumindest im Falle des 18-55-Kit-Zooms die erste Linse des Objektives – hier darf man also keine Kraft anwenden beim Einschrauben. Merke auch: Bei der Bestellung muss der Durchmesser des Filtergewindes angegeben werden.

Aktiver (Automatik)-Zwischenringsatz 13, 21, 31 mm für Canon EF-Bajonett
Bezugsquelle: Über Amazon (Suche: “zwischenringe canon”).
Kosten: ca. 95 Euro (chinesisches Produkt).

Alternative (ohne Blenden- oder AF-Steuerung): Passiver Zwischenringsatz für Canon EF-Bajonett
Bezugsquelle: Über Amazon (Suche: “zwischenringe canon”).
Kosten: ab ca. 20 Euro (chinesisches Produkt).

Passiver Retro-Adapter für Canon EF-Bajonett und 58mm-Filtergewinde
Bezugsquelle: Über Amazon (Suche: “retro adapter canon”).
Kosten: ab ca. 20 Euro (Hersteller: Fa. Quenox).

Ein weiteres sehr interessantes, hier nicht verwendetes System ist der aktive Retro-Adapter der Firma Novoflex (http://www.novoflex.com ). Das System ermöglicht den Einsatz von Objektiven in Retro-Stellung bei vollem Erhalt der Blenden- und Autofokus-Funktionen; es ist allerdings mit ca. 500 Euro auch nicht ganz billig. Für mutige Bastler gibt es in den Quellen auch eine Selbstbauanleitung.

Wie bereits angesprochen, so verwenden Profis spezielle Makro-Objektive, u.U. auch wiederum in Verbindung mit Zwischenringen. Bekannte Klassiker sind das Sigma 105 Macro und das Canon MP-E. Wer einmal erfahren möchte, was mit diesen Objektiven möglich ist, findet auf Flickr viele damit aufgenommene Bilder über eine Suche in den Tags nach der jeweiligen Objektivbezeichnung. Technische Details zu den zwei Objektiven:

  • Sigma 105mm F2,8 EX DG MAKRO, um die 400 Euro. Arbeitsabstand um die 500 mm.
  • Canon MP-E 65 mm 1:5. Maximale Vergrößerung ist 5x Life-size (bei 25 mm Arbeitsabstand), ansonsten auch: Life-size: bei ca. 100 mm. Straßenpreis um die 1.000 Euro.

Der geringen Schärfentiefe im Makrobereich kann man auf der einen Seite mittels weit geschlossener Blende (Blendenzahlen > 11) beikommen, auf der anderen Seite durch die Aufnahme mehrerer Bilder mit verschiedenen Fokuseinstellungen (Focus Bracketing). Siehe hierzu auch den Workshop “Focus Stacking mit der Software Helicon Focus”. 

Über das Thema Makrofotografie lässt sich noch viel sagen, und so sind im Anschluss an diesen relativ umfangreichen Workshop einige besonders interessante Quellen aufgeführt. Zum Abschluss noch etwas anderes als nur technisches Uhrwerk: das Facettenauge einer Fliege in Nahaufnahme.

 

Abbildung 10: Facettenauge in Nahaufnahme  (Anklicken zum Vergrößern), aufgenommen mit 18-55-Zoom mit preiswertem passivem Retroadapter, mit Blende 13, mit zwei Blitzen links und rechts (getriggert via Funk-Remote-Trigger). Das Bild wirkt erst richtig in der vollen Auflösung von 15 MP (s. Galerie). Zu Details siehe auch den zugehörigen Workshop “Alien Invader”.

Quellen

  1. Software Helicon Focus: kommerziell, 30 Tage-Testlizenz:
    http://www.heliconsoft.com/heliconfocus.html
  2. Software Combine ZM, freie Software:
    http://www.hadleyweb.pwp.blueyonder.co.uk/ 
  3. Focus Stacking mit Photoshop:
    http://www.traumflieger.de/workshop/tiefenschaerfe/mehr_Tiefeschaerfe.php
  4. Cyrill Harnischmacher, Closeup Shooting: A Guide to Closeup, Tabletop, and Macro Photography. Verlag Rocky Nook, 2007.
  5. Alistair Campbell: Welcome to planet macro. Artikel in: Photography Monthly, Ausgabe Juni 2009.
    http://www.photographymonthly.com
  6. Website der Firma Novoflex: Produkte für die Makrofotografie:
    http://www.novoflex.com/de/produkte/makrofotografie–blitztechnik/umkehrring-eos-retro/
  7. Macro-Workshop von Andreas Hurni:
    http://www.andreashurni.ch/makro/equip.htm
  8. Frank H. Phillips: How to Do Macro Insect Photography:
    http://www.beautifulbugs.com/beautifulbugs/howto.htm
  9. M. Plonsky: Insect Macro Photography:
    http://www.mplonsky.com/photo/article.htm
  10. Anleitung für den Selbstbau eines aktiven (!) Retro-Adapters:
    http://ip-networx.de/index.php?option=com_content&task=view&id=21&Itemid=56
  11. Noch eine Anleitung für den Selbstbau eines aktiven Retro-Adapters:
    http://www.traumflieger.de/forum/viewtopic.php?t=3166
  12. Workshop: Canon 18-55-Kitobjektiv in Retro-Stellung:
    http://www.traumflieger.de/objektivtest/retro/supermakro_mit_dem_kitobjektiv.php
  13. Flickr-Gruppe zum Thema Facettenaugen (hier ist die verwendete Ausrüstung oft besonders interessant):
    http://www.flickr.com/photos/7539598@N04/3339417842/in/pool-compoundeyes
  14. Edwin Leon: Canon 500D Close-up Lens Attachment:
    http://www.camerahobby.com/Access-Canon500D.htm

3 Kommentare

  1. Rainer

    Hilfreicher Beitrag, weil ich grade auf der Sucher nach einer neuen Kamera bin – mit einem Standard-Zoomobjektiv, das auch gut Makro (unproblematisch mit Vorsatzlinse) kann.
    Es wird wahrscheinlich eine Canon mit 18-55 werden.

    Meine Fragen:

    1. Wie groß ist die Taschenuhr (Durchmesser)?

    2. Wie groß ist ungefähr der Objektiv-Objekt-Abstand bei Bild 5 (10-fach-Vorsatzlinse, f=55)?

    Danke im voraus,
    Gruß, Rainer

  2. Einen einfachen analogen Retro-adapter von EF auf 58mm Filtergewinde gibts auf Ebay schon für 2,50 Euro inkl. Versand, allerdings muss man ein paar Wochen warten bis man ihn in der Post hat, da er direkt aus China kommt.. Günstiger geht der Einstieg in die Macrophotographie allerdings nicht und die Ergebnisse mit dem EF 18-55 IS II Kitobjektiv sind schon recht ordentlich. ( Bei 55mm hat man etwa 1:1,4 und bei 18mm 4:1) Eine starke LED Taschenlampe hilft dabei dann auch noch das nötige Licht auf das Motiv zu bringen.. Die Blende lässt sich nur per “richtig” herum angeschraubten Objektiv vorwählen…

  3. @Rainer: Merci fürs Feedback: Die Taschenuhr hat rund 50 mm Durchmesser, der Objekt-Objekt-Abstand beträgt vielleicht so rund 30 mm. Bei allen starken Vergrößerungen bist Du schon echt nah dran. Wenn es Dir um eine größere Distand geht (= größer Fluchtabstand der Insekten bspw.), dann sind 100, 150er oder 200er Makrolinsen die beste Wahl, und die dann aber wieder evtl ergänzt mit Zwischenringen.
    @Philipp: Jupp, geht schon günstig auch. Die Blende lässt sich mit einem Trick (bei Canon) vorwählen: Linse normal drauf, Blende wählen, Abblendtaste drücken (=Schärfentiefenprüfungstaste) und gedrückt halten, jetzt bei gedrückter Taste und angeschalteter Kam die Linse abnehmen, so bleibt di eBlende erhalten,

    vg Tilo
    PS: Bei Nikon braucht es glaube ich eine Büroklammer irgendwo drin, müsste man dann mal googeln.

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